UUL – Bevölkerungssicherheit

Repräsentativbefragung – Vorgehensweise

Ziel

Empirische Überprüfung des theoretischen Modells (siehe oben) zu individuellen und den umweltbedingten Einflussfaktoren der Risikowahrnehmung und der Verhaltensreaktionen bei einer Bedrohung der Bevölkerung durch eine Pandemie, durch einen langanhaltenden Stromausfall oder durch eine biologische Gefährdung

  • Deskription der personenbezogenen und der umweltbedingten Einflussfaktoren der Risikowahrnehmung und des subjektiven Sicherheitsgefühls
  • Analyse der Zusammenhänge zwischen den Faktoren und dem subjektiven Sicherheitsgefühl

Studiendesign

  • telefonische Umfrage durch USUMA Markt- und Sozialforschung (16.11.2015 bis 11.01.2016, 76 Interviewer)
  • durchschnittliche Interviewdauer 20,3 Minuten

Rekrutierung und Studienpopulation

  • ADM-Telefonstichprobe „Easy Sample“ nach dem Gabler-Häder-Verfahren (Gabler und Häder 1998)
  • 3005 Personen (Dortmund: n = 1232, Gelsenkirchen: n = 1224, Essen: n = 549) statistische Analyse
  • Strukturgleichungsmodelle

Aufbau des Fragebogens

  • Gewichtung Unsicherheit
  • Erfahrungswerte / Wissen
  • Eintrittswahrscheinlichkeit
  • Psychische und physische Auswirkungen
  • Vertrauen in System / Teilbereiche
  • System / Vorbereitung
  • System / Information
  • Mitsprache der Bürger
  • Reaktion
  • Hilfsbereitschaft / soziales Kapital
  • Vorbereitung / Vorra
  • Auseinandersetzung
  • Erwartungen an BOS
  • Mediennutzung
  • Psychisches Wohlbefinden (PHQ-4)
  • Lebensqualität (EUROHIS-QOL)
  • Soziodemographie

Repräsentativbefragung – Ergebnisse

Deskriptive Ergebnisse

  • hohes Niveau des subjektiven Sicherheitsgefühls der Bevölkerung
  • mehr Erfahrung mit kriminalitätsbedingten Schadensereignissen (Wohnungseinbrüche, körperliche Angriffe und sexuelle Übergriffe) als mit langanhaltenden Stromausfällen, Pandemien oder Terroranschlägen
  • Risikowahrscheinlichkeit bezüglich eines Terroranschlages wird höher eingeschätzt als für andere Ereignisse unter Anbetracht der sehr geringen Opferhäufigkeit
  • hohes Niveau des Vertrauens in Sicherheitsorgane, insbesondere Feuerwehr, Polizei und Stadtverwaltung
  • Großteils Akzeptanz von Maßnahmen zum Schutz vor den genannten Schadensereignissen
    (höchste Akzeptanz gegenüber Quarantänemaßnahmen zum Schutz vor Ansteckung, geringste Akzeptanz für eine Ausweitung der Videoüberwachung)

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Fazit:

Auf Grundlage der vorliegenden Daten lässt sich die Schlussfolgerung ziehen, dass die Förderung von Sozialkapital einen wichtigen Beitrag zur Erhöhung des subjektiven Sicherheitsgefühls und zur Reduzierung negativer psychologischer Effekte insbesondere von kriminalitätsbedingten Schadensereignissen leisten kann. Eine Einflussnahme auf die negativen Effekte seltener Schadensereignisse erscheint eher schwierig, da diese im allgemeinen Sicherheitsgefühl der Bevölkerung nur diffus repräsentiert sind.

Ziele & Experteninterviews

Einleitung

Ziel des Teilprojektes

  • Analyse der dimensionalen Bestandteile des subjektiven Sicherheitsgefühls im
    Hinblick auf die Gefahrensituationen Stromausfall, Pandemie und biologische Gefahren
  • Analyse der personenbezogenen und der umweltbedingten Einflussfaktoren der
    Risikowahrnehmung und des subjektiven Sicherheitsgefühls im Hinblick auf die
    genannten Gefahrensituationen
  • Analyse der Bedeutung des subjektiven Sicherheitsgefühls auf das potenzielle
    Verhalten bei Eintreten einer der genannten Gefahrensituationen, insbesondere im
    Hinblick auf die Kooperation mit Verwaltungsorganen und Sicherheitskräften
  • Transfer der Analyseergebnisse in Anwendungen zur technikgestützten
    Risikokommunikation und zum Risikomanagement

Arbeitsschritte

  • Literaturrecherche
  • Experteninterviews
    • Sammlung von Faktoren und Zusammenhängen aus Expertensicht verschiedener
      Bereiche
  • Fokusgruppendiskussionen
    • Gewinnung von Aspekten zum Thema Sicherheit und Krise aus der Bevölkerung
  • Repräsentativbefragung
    • Repräsentative Erhebung der Einstellung und Relevanz des Themas Sicherheit in der
      Bevölkerung des Ruhrgebietes
    • Generierung eines Mehrebenenmodells

Experteninterviews – Vorgehensweise

Methode

  • Leitfadenorientierte Experteninterviews (Gläser und Laudel 2010)
  • Interviewdauer zwischen 30 und 100 Minuten
  • Auswertung erfolgte mittels qualitativer Inhaltsanalyse nach Mayring (Mayring 2015) mit
    dem Textanalyseprogramm MaxQDA (MAXQDA V11 2015)

Rekrutierung

  • Erstellung einer ausführlichen Liste mit potentiellen Experten
  • Identifikation von Institutionen, Arbeitskreisen, Kommissionen, Ämtern und konkretenAnsprechpartnern
    • konkrete Kontakte durch gute Kooperation der Projektpartner
    • Kaltakquise von Interviewpartnern

Studienpopulation

  • Gesamtzahl 31 (21 telefonisch, 10 persönlich)
  • 12x Szenario Strom; 11x Szenario Biologische Gefahrenlage; 8x Szenario Pandemie
  • 24 männliche und 7 weibliche Experten
    • Gesundheitssektor (9x); Katastrophenmanagement / -hilfe (7x); Bevölkerungsschutz (3x);
      Sicherheitskommunikation (2x); Expertenbeiräte, Netzwerke, Kommissionen (4x);
      Universitäre Experten (4x); Kritische Infrastrukturen (2x)

Leitfaden Interview

  • Narrativer Einstieg
    • Expertise
    • Erfahrungen
    • Wissen
  • Objektive Risikoanalyse
    • Eintrittswahrscheinlichkeit
    • Folgenabschätzung
    • Betroffene Gruppen
    • Betroffene Lebensbereiche
  • Risikomanagement und Handlungsnotwendigkeiten
    • Ziel des Risikomanagements
    • Maßnahmen beim Risikomanagement
  • Risikobewusstsein
    • Risikobewusstsein der Bevölkerung
    • Vorkehrungen und Schutzmaßnahmen
  • Reaktionen der Bevölkerung allgemein
    • Verhalten
    • Sicherheitsgefühl
    • Hilfebedarf der Bevölkerung, einzelner Gruppen
    • Hilfeleistung der Bevölkerung
  • Risikomanagement unter Berücksichtigung der Bevölkerungsreaktion
    • Reaktion des Risikomanagements auf die Bevölkerungsreaktion
    • Reaktion der Bevölkerung auf Maßnahmen des Risikomanagements
  • Kommunikation mit der Bevölkerung
  • Abschluss

Experteninterviews – Experten

Szenario Blackout

Objektive Risikoanalyse

  • Besonders betroffen:
    • kritische, abhängige Infrastrukturen (Gesundheitswesen, Transport- und Verkehrssektor, landwirtschaftliche Betriebe und Telekommunikation)
    • Lebensbereiche der täglichen Versorgung
    • ältere, Kranke, Mobilitätseingeschränkte und Personen mit Migrationshintergrund / mangelnden Deutschkenntnissen

Faktoren subjektiver Unsicherheit

  • Kaskadeneffekte und schwindender Altruismus führen schnell zu schwer handzuhabenden Situationen
  • Ein erhöhtes Kriminalitätsaufkommen, wegen Ausfall von Sicherungsmaßnahmen

Risikobewusstsein der Bevölkerung

  • Risikoeinschätzung der Bevölkerung kaum vorhanden
  • Vorsorgelage gering

Hilfsbereitschaft

  • Abhängig von individueller Not, tendenziell anfangs hoch, mit der Dauer des Stromausfalls sinkend

Handlungsnotwendigkeiten

  • Präventive Information
  • Prognose der Akzeptanz von Maßnahmen gut
Szenario Pandemie

Objektive Risikoanalyse

  • Wahrscheinlichkeit in Deutschland schwer vorhersehbar
  • Erhöhtes Risiko durch „große Flüchtlingsproblematik“
  • Ausschluss dramatischer pandemischer Krisen auf Grund des gut ausgestattetem Gesundheitssystem in Deutschland

Risikobewusstsein der Bevölkerung

  • Wegen fehlender Erfahrungen geringes Bewusstsein
  • Verunsicherung durch Impfstoffdebatten

Faktoren subjektiver Sicherheit

  • Kommunikationspolitik besonders relevant
  • Akteure bedürfen guter Netzwerkarbeit bei Kommunikation
  • Wichtig: frühzeitige, stimmige, möglichst einheitliche und einfach verständliche Informationen

Hilfsbereitschaft

  • Wird als sehr hoch eingeschätzt
  • Angst vor Ansteckung kann Hilfsbereitschaft mindern
  • Voraussetzung Hilfsbereitschaft: Schutzausrüstung steht zur Verfügung und klar definierte Aufgaben

Handlungsnotwendigkeiten

  • Um in Unsicherheit Sicherheit zu vermitteln, muss gezeigt werden, dass das maximal Mögliche getan wird
Szenario Biologische Gefahrenlage

Objektive Risikoanalyse

  • Wahrscheinlichkeit gering vs. auf jeden Fall damit zu rechnen
  • Zunahme von Terrorismus und biologischen Gefahren weltweit

Risikobewusstsein der Bevölkerung

  • Allgemeine Bevölkerung ist sich Gefahr nicht bewusst
  • Risikobewusstsein ist stark medial bedingt; schnell änderbar

Faktoren subjektiver Sicherheit

  • Durchführung erfolgreicher Maßnahmen mit dem Ziel der Herstellung oder Aufrechterhaltung des normalen Lebens
  • Information über Erfolg dieser Maßnahmen muss an die Bevölkerung weitergegeben werden
  • Hilfsbereitschaft

    • Generell als hoch eingeschätzt (mit Einschränkungen)
    • Unterstützung der Rettungskräfte höher als bei Pandemie
    • Erhöhung der zivilen Verstärkung durch Schutzausrüstung, Information und Aufklärung

    Handlungsnotwendigkeiten

    • Größtes Problem: Erkennen einer B-Lage
    • Personenströme lenken, evtl. Veranstaltungen absagen
    • Flucht der Bevölkerung in benachbarte Gebiete ist wahrscheinlicher als bei Pandemie

    Szenarien übergreifend

    • Faktenwissen und Risikobewusstsein im Hinblick auf die Zielszenarien in der Bevölkerung werden als sehr gering eingeschätzt
    • Die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung wird generell als hoch eingeschätzt (Einschränkung: keine Erfahrung zu den Szenarien)
    • Die Bereitschaft zur Kooperation mit Hilfskräften und die Akzeptanz von Maßnahmen ist abhängig von der Risikokommunikation und der Informationspolitik
    • Schlüsselrolle Versorgung: Deckung der Grundbedürfnisse führt zu Senkung des Unsicherheitsgefühls und ruhigerem Verhalten
    • Zivile Verstärkung unter Leitung des Krisenmanagements

    Literatur
    Floyd DL, Prentice-Dunn S, Rogers RW. A Meta-Analysis of Research on Protection Motivation Theory. Journal of Applied Social Psychology 2000; 30(2): 407-429
    Gläser, Jochen; Laudel, Grit (2010): Experteninterviews und qualitative Inhaltsanalyse. Als Instrumente rekonstruierender Untersuchungen. 4. Aufl. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwiss (Lehrbuch).
    Harrison JA, Mullen PD, Green LW. A meta-analysis of studies of the Health Belief Model with adults. Health Educ Res 1992; 7(1): 107-116
    MAXQDA V11. Software for qualitative analysis (2015). Version. Berlin: VERBI Software. Consult. Sozialforschung. GmbH.
    Mayring, Philipp (2015): Qualitative Inhaltsanalyse: Grundlagen und Techniken. 12. Aufl. Weinheim, Basel: Beltz.
    Lazarus RS. Toward better research on stress and coping. Am Psychol 2000; 55(6): 665-673
    Lazarus RS. Coping theory and research: past, present, and future. Psychosom Med 1993; 55(3): 234-247